Thursday, July 10, 2008

Die Sekte des Jesus von Nazaret

Der Religionswissenschaftler und Sektenberater Georg Schmid hat seinen eigenen Glauben im Lichte seines Berufs reflektiert und ist dabei zur erstaunlichen Erkenntnis gekommen: Das Christentum und die Kirchen sind nichts anderes, als eine in die Jahre gekommene, etablierte Sekte - nämlich die Sekte des Jesus von Nazaret.

Anderst, als man bei reiner Betrachtung des Titel des Buches erwarten könnte, wird beim lesen jedoch klar: Hier spricht ein Jesus-Fan! Er sieht die Jesusbewegung geradezu als eine Modell-Sekte. "In Zeiten geistigen und sozialen Wandels schiessen Angebote neuen Menschseins fast wie Pilze aus dem Boden." - so beschreibt er den Zeitgeist der römischen Provinz Galiläas vor gut 2000 Jahren. Und einer dieser Pilze, einer dieser endzeitlich orientierten Aufbrüche in ein neues Menschsein, hat es doch immerhin bis zur Weltreligion gebracht (was in sich selber schon eine Faszination darstellt).

Schmid versteht es, wissenschaftlich-fundiert über geschichtliche Tatsachen zu schreiben, ohne dabei alles zu erklären, zu psychologisieren und in den Horizont des vollständig, rational Begreifbaren zu zwängen. Er bewahrt den Respekt und die Ehrfurcht vor dem, was er mit "Unmittelbarkeit" umschreibt und sich eben weder in Worte fassen noch in ein plausibles Erklärungsschema giessen lässt.
(Sehr deutlich kommt diese Grundhaltung des Buches bei der Abgrenzung zwischen Vergöttlichung und Vergötzung Jesu im 4. Kapitel zum Ausdruck - eine Ausführung dazu würde leider den Rahmen dieses Weblogs sprengen)

Wo es um die Frage geht, was mit Jesu Leichnahm geschah, wird's richtig "heiss". Wurde Jesu Leichnahm einfach irgendwo verlegt oder vergessen? Hat eine Bagatelle bzw. ein Zufall eine weltumspannende Bewegung wie das Christentum hervorgebracht und derart den Lauf der Geschichte verändert? Sind die bunten Erscheinungserzählungen des Auferstandenen in den Evangelien aus der kollektiven Hysterie der nun meisterlos gewordenen Sektenbewegung entsprungen?
Letzte Antworten auf die grossen Fragen bleiben offen - "wer versteht, spricht von Mystik", schreibt Schmid.

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